Captain America checkt in Leipzig ein

2005 landete der Flughafen Leipzig/Halle in Hollywood und begann eine wenig bekannte Filmkarriere als Drehort. Vorläufiger Höhepunkt ist der ausgedehnte Showdown im aktuellen Blockbuster „Captain America 3 – Civil War“.

Text: Frank Willberg Fotografie: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Erstaunlich. Mehr als zwanzig Kinofilme wurden seit 2001 am und im Flughafen Leipzig/Halle gedreht. Dazu kommen zehn Fernsehproduktionen und -serien von „Tatort“ über „GZSZ“ und „SOKO Leipzig“ bis zu „In aller Freundschaft“. Wie schafft es ein Airport derart oft in die Flimmerkiste und vor allem auf die große Leinwand?

Flughafen Leipzig gut in Szene

„Captain America 3“ steht kurz davor, über eine Milliarde Dollar einzuspielen und in die Top Ten der erfolgreichsten Blockbuster vorzudringen – mit Leipzig im Mittelpunkt der cineastischen Aufmerksamkeit. Denn während die Szenen am Reichstag und am Sony Center in Berlin im Laufe der Produktion immer kürzer gerieten, quasi untergehen, dehnten sich die Sequenzen am Flughafen immer weiter aus. „Was im Gedächtnis bleibt, ist der Flughafen Leipzig/Halle“, betont Markus Bensch, Location Scout für das Studio Babelsberg. „Es war einmalig“, schwärmt Regisseur Anthony Russo. „Der Leipziger Flughafen war exakt das, wonach wir suchten: ein unglaublich toller Spielplatz für den Kampf zwischen den Superhelden.“ Die markante Architektur, das sehr starke Design seien Gold wert für Filmemacher. Dem pflichtet Bensch bei: „Leipzig/ Halle ist architektonisch einer der interessantesten Flughäfen Deutschlands.“ Außerdem sei er frei stehend, nicht verbaut, also gut auch von Weitem zu filmen, und obendrein mit einer schicken Kombination mit ICE-Strecke gesegnet. Wie für den Film gemacht.

Schokoladenseite statt Glücksfund

Die Erstentdeckung für Hollywood durch das Studio Babelsberg als Produktionsfirma erlebte LEJ, so das offizielle Kürzel des früheren Schkeuditzer Flughafens, vor elf Jahren. „Flight Plan“ mit Jodie Foster spielt zwar in Berlin beziehungsweise im Flugzeug, jedoch versprühten die hauptstädtischen Flughäfen nicht genug urbane Modernität. Also schlüpfte LEJ erfolgreich in diese Rolle und legte somit den Grundstein für eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit und Partnerschaft mit den Filmemachern. „Oft sind es Glücksfunde“, erzählt Bensch. „Man kommt an einen interessanten Ort, macht Fotos und bewahrt das Motiv im Herzen auf.“ Mitunter vergingen jedoch Jahre, ehe sich beim Lesen eines Drehbuchs jenes Motiv im Hinterkopf meldet und aktuelle Vorstellungen mit verblassten Erinnerungen und vergilbten Fotos abgeglichen werden würden. „Wir haben mal die Berliner Mauer in Breslau nachgebaut, weil ich 20 Jahre zuvor dort gewesen war und mich an eine spezielle Straße erinnerte“, so der Drehortexperte.

Sensationelle Partnerschaft entwickelt

Der Airport zwischen Leipzig und Halle stellt als Gebäudekörper eine vergleichsweise naheliegende Moderne dar. Aber insbesondere amerikanische Filmemacher fliegen nicht allein auf die Architektur. Nach 9/11 wurden Location Scouts in den USA verhaftet, als sie Flughäfen fotografierten, weiß Bensch. Die Sicherheitsauflagen – das heißt -einschränkungen – erschweren Filmarbeiten zusätzlich ungemein. LEJ hingegen hat den Dreh diesbezüglich raus – zur Freude der Russo-Brüder, welche laut Bensch „hellauf begeistert“ davon waren, was hier möglich ist und, vor allem, was hier zustande gebracht wird. Natürlich sei man in erster Linie unverändert ein Airport, unterstreicht Uwe Schuhart. Flughafenspezifische Abläufe müssten gewährleistet bleiben, Sicherheitsaspekte beachtet werden. „Aber wir machen schon vieles möglich“, so der Pressesprecher der Mitteldeutschen Airport Holding. „Wir haben es im Sommer schneien oder eine Junkers JU52 aus den frühen 1930er Jahren bei uns fliegen lassen.“ Bei „Captain America 3“ sei er nach den ersten Trailern jedoch sehr dankbar dafür gewesen, dass es Spezialeffekte gibt, denn in dem großem Kampf bleibt im Film kaum ein Stein auf dem anderen, kippt am Ende sogar noch der Tower um.

Vom Babelsberger Filmteam adoptiert

„Ich habe den Dreh geliebt“, gestand Joe Russo. „Die Crew war fantastisch und die Settings verleihen dem Film europäisches und internationales Flair zugleich.“ Vieles an dem Film war sehr ,geheim, berichtet Bensch. „Lange Zeit wusste niemand, was eigentlich gedreht werden sollte.“ Für das Babelsberger Studio sei es daher enorm wichtig gewesen, im Flughafen LEJ einen vertrauensvollen Partner zu haben. Und den hatten sie. „Die Flughafenszene am Filmende ist darum so lang geworden, weil sich die Zusammenarbeit so sensationell gut gestaltete“, stellt Bensch fest. Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass LEJ nachts seine wahre Größe entfaltet, während der Passagierverkehr tagsüber dem Airport einen familiären Charakter verleihe. Aber die Verantwortlichen – allen voran Susann Walther – seien derart offen und kooperativ gewesen, so der Location Scout, hätten sich voll reingehängt und das Filmprojekt offenbar selbst toll gefunden, dass Susann Walther vom Babelsberger Filmteam regelrecht adoptiert wurde und der Filmanteil zu Leipzigs Gunsten wuchs. Einen Oscar für die beste Film-Location gibt es noch nicht, und da LEJ dank „Captain America 3“ nun auch recht bekannt geworden sei, werde für den nächsten Hollywood-Auftritt noch etwas Wasser die Elster und die Pleiße runterfließen (müssen), um dem Kinopublikum genug Abwechslung zu präsentieren. Aber als kleines Dankeschön bekam die Flughafenbelegschaft Anfang Mai eine eigene Kinovorstellung mit Marvels Helden.

www.studiobabelsberg.com
www.leipzig-halle-airport.de

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