Fest gemauert in der Erde

Mehr als 800 Burgen und Schlösser beherbergt die Region. Ein kleiner Rundumblick.

Text: Tobias Prüwer             Fotografie: W.Behrends/pixelio.de

Schlösser und Burgen kommen einfach nicht aus der Mode. Gut, heute dienen sie eher selten als Privatwohnsitze, sind dafür umso mehr lohnende Besuchsziele. Wie sehr die vermauerten Residenzen und Verwaltungssitze die Landschaft prägten, zeigt zum Beispiel die aktuelle Thüringer Landesausstellung über das Adelsgeschlecht der Ernestiner. Vier Museen zeichnen die Politik der Herzöge nach, die die Region über rund 500 Jahre mitbestimmten. Darunter befinden sich mit Schloss Friedenstein in Gotha und dem Weimarer Stadtschloss selbst zwei interessante Zwingbauten. Den Bauwerken der Ernestiner werden wir auf dieser kleinen Burgen- und Schlosswallfahrt wieder begegnen.

Die Urburg

Luthers Teufelsaustreibung und der Sängerkrieg: Sagenumwoben ist die Wartburg in Eisenach. Die auf einem 400 hohem Felsplateau thronende Anlage gilt als Urburg der Deutschen und ist doch teilweise ein nachgebautes Als-ob. Der einstige Hort der Thüringer Landgrafen und Wirkstätte der Heiligen Elisabeth ist ein Imaginationsort par excellence – und ein schönes Reiseziel. Allein der Blick ins Land und auf die Hörselberge ist reizvoll, die Gegend lädt zum Wandern ein. Übers Mittelalter erfährt man auf der Wartburg nur bedingt etwas. Wesentliche, das Bild der Burg prägende Elemente wie Bergfried und Torhalle wurden erst im 19. Jahrhundert errichtet und romantisierend mittelalterlich nachempfunden, weshalb sie zugleich ein Museum des deutschen Historismus ist. Das machte sie perfekt als Vorlage für einen anderen Sehnsuchtsbau: Schloss Neuschwanstein.

Schloss, Burg, Schloss Burgk?

Die Unterscheidung zwischen Burgen und Schlössern ist ein historischer Irrtum. Im Mittelalter selbst wurden beide – zusammen mit der Feste – synonym benutzt. Burg wie Schloss bezeichneten mauerngeschützte Gebäude und Gebäudeensembles vom Herrenhaus und Wohnturm bis zu großen Komplexen. Erst in der Frühen Neuzeit hat man die Unterscheidung in wehrhafte Burgen und schicke Schlösser getroffen, die aber dadurch unterlaufen wird, dass man an Burgen in späteren Jahrhunderten Umbauten durchführte. Ein Beispiel ist das Merseburger Schloss im Renaissancestil, das auf einer früheren Anlage steht. Es schmiegt sich über der Saale gut sichtbar schön an den Dom. Dort kann man nicht nur angebliche Teufelspuren bestaunen, sondern auch die abgeschlagene Hand des Gegenkönigs Rudolf. Besonders schön kann man den Burg-Schloss-Anachronismus am malerischen Schloss Burgk im Voigtland ablesen, wo sich der Ortsname von der Festung ableitet und man diese Schloss genannt hat. Im einstigen Residenz- und späteren Jagdschloss wird an bestimmten Tagen die eingebaute Silbermannorgel gespielt. Was alles zu einer Burg gehört, welche architektonische Entwicklung der Bautyp nahm, ist im Burgenmuseum Heldburg zu erfahren. Hier, im südlichsten Zipfel Thüringens, wird noch in diesem Jahr die Dauerausstellung fertig gestellt. Beim Rundgang durch die Burg erfährt der Besucher in chronologischer Abfolge, wie im Zuge der Epochen der Burgenbau verändert wurde, und lernt am Beispiel der Veste Heldburg, wie diese durch die Renaissance geprägt ist. Bekannte Klischeebilder zu Burgen, ihren Bewohnern und dem Leben auf der Burg werden widerlegt und als Träumereien späterer Jahrhunderte entlarvt. Dazu dienen auch zahlreiche Burgenmodelle, die durch hohe Detailgenauigkeit bestechen. Eine Playmobil-Burg macht das Thema Ritterburg den Kindern anschaulich. Informativ führt auch die Ausstellung der Burg Mildenstein im sächsischen Leisnig in die Funktion von Burgen als in Stein gebaute Macht ein. Man erfährt vom Alltag hinter dicken Mauern und von Gerichtsbarkeit und Folter. Von noch einer Besonderheit ist hier zu hören: Mildenstein war kein Adelswohnsitz, sondern eine Amtsburg, die ganz im Sinne der Verwaltung stand. Auch diesen Burgentypus gab es; er korrigiert die romantische Vorstellung, dass nur Ritter Burgen bewohnten. Und der Blick von hoch oben auf die Mulde ist auch nicht zu verachten.

Aussichten

Viele Burgen und Schlösser sind nicht nur aufgrund ihrer eigenen Erscheinung einen Besuch wert, sondern auch wegen der Aussicht, die sie bieten. Hierzu empfiehlt sich zum Beispiel ein Besuch der Drei Gleichen an, die in der Nähe von Gotha als markante Wegmarken an der A4 wachen. Über die Schau ins Land verfügt auch die berühmte Festung Königstein und von der Ortenburg mitten in Bautzens Innenstadt hat man einen wunderbaren Blick auf die Spree. Mehrere Schlippen in der Mauer und Treppen führen hier zum Fluss hinunter – der Beginn eines reizvollen Spaziergangs. Nicht zu vergessen ist die Aussicht, die man vom Kyffhäuserdenkmal hat, das in den Ruinen der Reichsburg Kyffhausen steht. Schönwettertage lassen von hier aus einen weiten Blick in die Goldene Aue zu.

Garten- und Wasserkunst

Auch die Wasserburg Heldrungen – ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück – sieht heute eher schlossartig aus. Das liegt am Umbau, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts erfolgte. Zwei Grabensysteme schützen die gewaltige Wehranlage. Die spätgotische vierflügelige Schloss- und Festungsanlage ist die einzige, vollständig erhaltene, befestigte Wasserburg französischer Festungsbaukunst Deutschlands. Gleich zwei Schlösser namens Schönfeld residieren in der Region. In der Altmarkt gelegen, ist das eine mit neobarocker Hülle als Event-Location mit Parklandschaft zu mieten. Das sächsische Schloss Schönfeld im Landkreis Meißen wurde als Wasserburg erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt. Es erfolgten mehrere Umbauten, heute zählt das Schloss zu den bedeutendsten Neorenaissanceschlössern der Region.

Die Dornburger Schlösser

Um diesen Text nicht zur bloßen Aufzählung werden zu lassen – allen Anlagen gerecht werden kann man bei über 800 Burgen und Schlössern in der Region nicht – soll ein Schloss genauer in Betracht gezogen werden. Genauer gesagt handelt es sich um drei: nämlich die Dornburger Schlösser. Die ehemalige Sommerresidenz der Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach erheben sich wenige Kilometer von Jena entfernt über dem Saaletal. Das einzigartige Ensemble mit Altem Schloss, Rokoko- und Renaissanceschloss wird durch Schlossgärten verbunden. Das älteste Bauteil des Alten Schlosses ist ein achteckiger Bergfried einer mittelalterlichen Burganlage aus dem 12. Jahrhundert. Nach der Zerstörung 1451 im Thüringer Grafenkrieg erfolgten erste Aufbauarbeiten und schließlich bis 1574 der Umbau zu einem Schloss im Renaissancestil. Prachtvolle Holzdecken haben sich im sogenannten Rittersaal, der ehemaligen Hofstube im Erdgeschoss des Südflügels, erhalten. Mitte des 18. Jahrhunderts kam das Rokokoschloss, das als Lustschloss und Feldherrensitz errichtet wurde. Für die Talseite wurde ein sichtbar verfugtes Untergeschoss gebaut, um den militärischen Aspekt des Schlosses als Feldherrensitz zu unterstreichen. Das Interieur bietet allerhand Sehenswertes, etwa Stuckdecken und farbige Wandpanele, wertvolles chinesisches Porzellan und niederländische Keramiken. Sieben Rittergüter Dornburgs standen einst dort, wo das heutige Renaissanceschloss steht. Das Herrenhaus wurde ab Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet, das äußere Erscheinungsbild mit den markanten Giebeln prägen aber Umbauten aus dem 17. Jahrhundert. Bis heute umgibt und verbindet die Schlösser ein vielblühendes Gartenreich. Vor dem Renaissanceschloss breitet sich ein Landschaftsgarten aus, es gibt Eschen- und Rosengänge, Weinberge am Felshang sowie Obst-, Stauden- und Gräsergarten. Diese lobte, na klar: Goethe, den überhaupt das ganze Ensemble begeisterte: „Die Aussicht ist herrlich und fröhlich, die Blumen blühen in den wohlunterhaltenen Gärten, die Traubengeländer sind reichlich behangen, und unter meinem Fenster seh ich einen wohlgediehenen Weinberg, den der Verblichene auf dem ödesten Abhang noch vor drei Jahren anlegen ließ und an dessen Ergrünung er sich die letzten Pfingsttage noch zu erfreuen die Lust hatte. Von den andern Seiten sind die Rosenlauben bis zum Feenhaften geschmückt und die Malven und was nicht alles blühend und bunt, und mir erscheint das alles in erhöhteren Farben wie der Regenbogen auf schwarzgrauem Grunde.“

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