Forschung treibt die Wirtschaft an

Spitzentechnologie ist essentiell für den wirtschaftlichen Aufstieg von Unternehmen und von ganzen Regionen. Wer über solche Technologien nicht verfügt, braucht zuverlässige Verfahren, um den Entwicklungsabstand möglichst schnell und möglichst umfassend zu überbrücken und zu verkürzen. Für den Technologietransfer eröffnet sich damit ein reiches Betätigungsfeld.

Text: Helge-Heinz Heinker

Schwenkende Roboterarme und künstliche Intelligenz, Nanopartikel und zyklopische Maschinenteile, brodelnde Experimentiersubstanzen und neue Werkstoffe. Mitteldeutschland ist stolz auf seine seit 1990 entstandene Forschungslandschaft. Dafür gibt es gute Gründe. Ganze Wissenschaftsatlanten bilden ab, was die Universitäten und Hochschulen können und welche außeruniversitären Einrichtungen den Wissensschatz mehren. Zufriedene Wirtschaftsförderer und Wissenschaftsmanager raunen, dass es ohne die Spitzenleistung beim Züchten genügend großer Siliziumscheiben im Helmholtz-Zentrum in Rossendorf bei Dresden wohl nichts geworden wäre mit der Mikroelektronik in der sächsischen Landeshauptstadt.

Wer profitiert also von dem beträchtlichen Aufwand, der in Instituten und Laboren betrieben wird? Entstehen daraus geradenwegs oder auf verschlungenen Pfaden marktgängige Produkte, die in der heimischen Wirtschaft dringend gebraucht werden? Passen Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammen? Und sind technologische Sprünge in Sicht?

Wie dringend die vorhandenen Produktionsprogramme der Ost-Betriebe durchlüftet und modernisiert werden mussten, gehörte zu den elementaren Einsichten aller Umbruchprozesse seit 1990. Technologietransfer – die Übertragung anwendungsbereiter Erkenntnisse in die industrielle Praxis – avancierte zum Zauberwort. Der Seitenblick nach Westen offenbarte das Grundmuster, wie so etwas in reifen Marktwirtschaften läuft: Leistungsstarke Unternehmen – nicht selten nationale oder globale Marktführer – betreiben eigene Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten oder sind finanzstark genug, sich das erforderliche Wissen einzukaufen. Vom intensiven Wettbewerb getriebene und in stabile Zuliefer-Netzwerke eingepasste Mittelständler steuern eigene Innovationen bei. Ganze Regionen gedeihen an diesem Miteinander ungestümer industrieller Zugpferde mit ihren mittelständischen Kooperationsschwärmen im Schlepptau. Bis zu der Behauptung, Weltmarktführer-Region zu sein, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Mangelt es an einer solchen Zusammenarbeit oder leidet sie unter strukturellen Defiziten, muss für Kompensation gesorgt werden. In Ostdeutschland schossen deshalb in der Hoch-Zeit des Aufbaus Ost vor allem die Fraunhofer-Institute aus dem Boden und ergänzten als außeruniversitäre Forschungseinrichtungen das Profil der Universitäten, die damals gerade selber einen strukturellen Umbruch vollziehen mussten. In Sachsen zum Beispiel flossen jahrelang rund sechs Prozent der Mittel des Landeshaushalts in Wissenschaft und Forschung, was eine bundesweite Bestmarke bedeutete und für die Innovationsfähigkeit respektive Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandorts bitter nötig war.

Mit Spitzentechnologie zur Wettbewerbsfähigkeit

Wie fit die ostdeutsche Wirtschaft vor 25 Jahren war, um gegen die neuen, direkten gesamtdeutschen Wettbewerber etwas Adäquates aufbieten zu können, ist hinlänglich bekannt. Ausgerechnet in dem Moment, als die Betriebe in der untergegangenen DDR so dringend wie niemals zuvor auf einen technologischen Schub angewiesen waren, fehlte er nahezu vollständig. Entwicklungsabteilungen der früheren Kombinate befanden sich in Auflösung, alle Wissenschaftseinrichtungen gerieten auf den Prüfstand der Evaluierung. Konnte sich der Westen weiter darauf konzentrieren, in seinem angestammten Revier wettbewerbsfähig zu bleiben und seine Positionen ausbauen, musste die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Osten unter immenser Aufbietung aller Kräfte überhaupt erst wiedererkämpft und errungen werden.

„Theoria cum praxi“ – das Leibniz’sche Axiom stand vor seiner größten Bewährungsprobe. Licht und Schatten lagen eng beieinander. Viele bekannte und traditionsreiche Einrichtungen wurden abgewickelt. Rein sachliche Gründe waren dafür nur selten ausschlaggebend. Oft genug dominierte das Motiv, sich ungeliebter Fachkollegen aus dem eigenen Bereich zu entledigen. Doch gerade aus der Freisetzung des bestens qualifizierten Personals ergaben sich Chancen für das aufblühende ostdeutsche Unternehmertum.

Die Gründergeneration der frühen 1990er Jahre kam zu einem Gutteil aus abgewickelten Wissenschaftseinrichtungen. Sie musste sich vielfach von einem Tag auf den anderen an ein völlig neues Bewährungsfeld anpassen und unternehmerische Zeichen setzen. Abgewickelt klang für unbedarfte Ohren ja immer als Zweitklassigkeit oder gar Überflüssigkeit. Dass es aus neuen innerdeutschen Konkurrenzgründen vielfach die Besten waren, die nicht mehr in bis dahin gewohnter Weise forschen und entwickeln durften und abgedrängt wurden, blieb seltsam unterbelichtet.

Gute Ideen gut verkauft

Wenn es im Kreis dieser Unternehmenspioniere des Ostens eine Besonderheit gab, dann war es ihre vorrangig naturwissenschaftlich-technische Prägung. Deshalb musste ein detailliertes Verständnis für die inhaltlichen Finessen des Technologietransfers nicht erst umständlich vermittelt werden. Kaufmännische Schnellkurse komplettierten damals das Wissen, um aus eigenen Forschungsergebnissen auf schnellstem Wege gefragte und profitable Produkte zu entwickeln und in jeder Beziehung zu den in der Mehrheit betriebswirtschaftlich und juristisch geprägten Geschäftsführern des Westens aufzuschließen. Viele fachlich bestens geschulte Ost-Akademiker begannen in den frühen 1990er Jahren wie zu Werner von Siemens’ Zeiten eine Karriere als Unternehmensgründer – allerdings mit dem einen gravierenden Unterschied, dass um 1870 fast alle Unternehmen klein waren, während 1990 mutige Kleine sofort gegen dominante Große antreten mussten. Dieses Kräfteverhältnis zwang zur Spezialisierung und zu technologischen Spitzenleistungen, folglich zum Technologietransfer.

Für die nächste Innovationswelle genügte das mitgebrachte Wissen der nach Lebensjahren mittelalterlichen, auf ihrem Unternehmerposten weiterhin recht jungen Gründer nicht mehr. Aber die Besten von ihnen waren zugleich ja auch gut vernetzte Wissensmanager, was ihnen anfangs kaum jemand zugetraut hätte. Leistungsfähige Forschungseinrichtungen mussten in der Wachstumsphase der Neulinge am Markt laufend Erkenntnisse liefern, die in partnerschaftlich verbundenen Unternehmen zur Marktreife gebracht wurden oder der Vervollkommnung des vorhandenen Sortiments dienten. Der Vorteil einer Technischen Universität vor Ort war dabei nicht von der Hand zu weisen. Ob in Dresden, Freiberg, Chemnitz, Magdeburg oder Cottbus – überall entstanden rund um die TUs viele neue unternehmerische „Schnellboote“, die den strukturellen Umbruch der Wirtschaft tragen und beschleunigen konnten. Umgekehrt wurde in Leipzig bis tief in die Industrie- und Handelskammer hinein Unbehagen geäußert, dass in der Sächsischen Staatsregierung die hochschulpolitische Grundsatzentscheidung gefallen war, an der Alma Mater des westsächsischen Wirtschaftszentrums keine technische Fakultät zu etablieren und stattdessen die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) – immerhin mit striktem Praxisbezug – zu gründen.

Blickrichtung Unternehmenspraxis

In Sachen Technologietransfer trägt das Verhältnis insbesondere zwischen Universitäten und Unternehmen in Deutschland völlig andere Züge als in den viel pragmatischer agierenden Vereinigten Staaten. In den USA forschen Universitäten unverkrampft im Auftrag der Industrie und haben kein Problem damit, weil eine breite Öffentlichkeit dieses Zusammenwirken akzeptiert. Mehr noch, amerikanische Hochschulen registrieren manche recht deutsche Debatte rund um das Selbstverständnis des Hochschulbetriebs oft genug mit Verwunderung. In Deutschland verstehen sich die Universitäten traditionell als akademische Wissensvermittler und Hort der Forschung. Berufsorientierung zu geben und pragmatisch Aufträge im Produktionsvorfeld von Unternehmen zu erfüllen, gilt eher als verpönt. Erst im Juni 2016 äußerte der kämpferisch auftretende Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Horst Hippler, von Hause aus ein Fachmann der Physikalischen Chemie, sein Unbehagen über wiederkehrende Forderungen aus der Unternehmenswelt, die deutschen Universitäten mögen doch eine stärkere Orientierung für den künftigen beruflichen Einsatz ihrer Studenten bieten, um ihnen einen glatteren beruflichen Einstieg als heute vielfach üblich zu ermöglichen. Präsident Hippler reagierte in bekannter Manier. Akademische Bildung sei das eine, Berufspraxis etwas anderes, beschied der höchste Repräsentant der „Stimme der Hochschulen“, als die sich die Hochschulrektorenkonferenz versteht.

In diesem Kontext bemerkte ein mit höchsten akademischen Weihen versehener ostdeutscher Spezialist, der innerhalb der eigenen Karriere Spuren sowohl in universitärer Lehre und Forschung als auch bei Unternehmensgründungen hinterlassen hat: „Die kühle Distanz zwischen unabhängiger universitärer Forschung und Aufträgen aus der Industrie erzeugt immer dann Reibungen, wenn es gilt, Drittmittel aus Unternehmen einzuwerben. Warum sollten Firmen Geld für Forschungsvorhaben lockermachen, wenn in den Laboren nicht strikt anwendungsorientiert gearbeitet wird?“ Es gilt ohnehin, dass für den Technologietransfer eher die angewandte als die Grundlagenforschung geeignet ist, und dabei haben die Fachhochschulen richtig gute Karten.

Darüber hinaus laufen intensive Bemühungen, immer mehr Brücken zwischen der vermeintlich praxisferneren Grundlagenforschung und ihrer wirtschaftlichen Anwendung zu schlagen. Unter dem Stichwort „industrielle Gemeinschaftsforschung“ wird an gangbaren Wegen gearbeitet, um potentielle Partner auf diesem weiten Feld zusammenzubringen und zum Beispiel neue Technologien branchenübergreifend für eine unternehmerische Nutzung aufzubereiten. Der Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) wird nicht müde, dieses Feld zu beackern.

Wie steinig der Pfad auch des Technologietransfers ist, hat nicht zuletzt das Scheitern des Konzepts von „Solar Valley“ gezeigt. Dem gelungenen ersten Schritt der wissensgetriebenen Solarzellenproduktion in Thalheim bei Wolfen folgte der zweite, auf schnelle Hochzüchtung der Basisinnovation gerichtete zu zaghaft. Ehe die nächsten Innovationsschritte die industrielle Reife erreichten, hatten Wettbewerber in Fernost eine Massenproduktion des Ausgangsprodukts aus dem Boden gestampft – und die anfängliche mitteldeutsche Exzellenzposition war weg.

Kampf um Köpfe

Unternehmenslenker packen das Thema Technologietransfer pragmatisch an. Es ist für sie vor allem ein „Kampf um Köpfe“. Manager picken sich im Ergebnis von Praktika vorsorglich die Besten eines Jahrgangs heraus – möglichst in der Idealkombination von solidem fachlichen Hintergrund mit betriebswirtschaftlich-kaufmännischem Talent. Aufsteigende Entwickler, die ihr Produkt auch richtig bepreisen und geschickt vermarkten können, sind im Wettbewerb um Ideen und ihre unternehmerische Relevanz die Idealbesetzung.

Die Anfangsbefürchtung, ohne eine Technische Universität am eigenen Standort mit einem schwer zu kompensierenden strukturellen Nachteil geschlagen zu sein, hat sich verflüchtigt. Heutige Spezialisten sind schon am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn darin erfahren, in Netzwerken zu arbeiten. Dieser Austausch in unentwegt wechselnden personellen Konstellationen setzt sich als Teil der Forschungskultur durch und beschleunigt den Technologietransfer – solange betriebliche Interessen gewahrt und vertraulich bleiben, wo Vertraulichkeit verlangt wird.

Technologietransfer ist vor allem eine Frage der Größe. Es ist offensichtlich, dass seitens der Forschungseinrichtungen der Austausch von Wissen mit gewichtigen betrieblichen Einheiten besser gelingt, weil dort in der Regel ein versierter Mitarbeiter oder gleich ein ganzer Stab oder eine Fachabteilung mit dieser Aufgabe betraut wird, während in kleinen oder Kleinstbetrieben mehrheitlich eine solche Spezialisierung einfach nicht zu leisten ist. In ihrem jüngsten Jahresbericht weist die IHK zu Leipzig für den eigenen Bezirk zum Beispiel nur 300 Unternehmen aus, die kontinuierlich Forschungs- und Entwicklungsprojekte umsetzen. Für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Region ist das zu wenig – vor allem weil die Unternehmen hier im sächsischen Vergleich mit Abstand die wenigsten Mittel für Investitionen in Forschung und Entwicklung ausgeben.

Die kritische Masse

Gewohnt, in naturwissenschaftlichen Analogien zu denken, orientieren Management-Lehrer wie der Rektor der Handelshochschule Leipzig (HHL Leipzig Graduate School of Management), Prof. Andreas Pinkwart, beharrlich auf die „kritische Masse“, um eine Entwicklung zum Laufen zu bringen. Soll heißen: Ohne eine gewisse Größe der Anwender neuer Erkenntnisse läuft nichts. Der betriebliche Innovationsprozess lebt vom Ausmaß des Anwendungsfeldes. Erst ab einer bestimmten Dimension sind zufriedenstellende Ergebnisse für beide Seiten zu erwarten. Wer zu klein ist und das Feld der erforderlichen Losgrößen neuer, innovativer Produkte nur bedingt bespielen kann, bekommt eher früher als später ein Problem.

Damit sich der Größenklassennachteil vieler einheimischer Betriebe nicht reproduziert und zum Nachteil künftiger Herausforderungen verfestigt, hat sich zum Beispiel die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig auf ihre Fahnen geschrieben, mit Hilfe von Technologiescouts eine Brücke des Wissenstransfers in einheimische mittelständische Strukturen zu bauen. Das entsprechende Pilotprojekt, das zusammen mit dem Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig getragen und gefördert wird, läuft seit dem 1. Januar 2014. Das Ziel heißt, dem Innovationsgeschehen in der Region Leipzig eine größere Dynamik zu verleihen und mehr Unternehmen an eigene Forschungs- und Entwicklungsprojekte heranzuführen. Denn häufig genug muss die Machbarkeitslücke zwischen der notwendigen Erneuerung des Produktionsprogramms und der mangelnden Passfähigkeit kleiner Unternehmens- und großer Forschungsstrukturen geschlossen werden. Deshalb hat die Agentur für Innovationsförderung und Technologietransfer GmbH vier erfahrene Ingenieure angeheuert, die im Auftrag der IHK als Technologiescouts zwischen Wissenschaft und Wirtschaft agieren, sichten, beraten und vermitteln.

Außeruniversitäre angewandte Forschung

Idealerweise sind es die zahlreichen, mit großzügiger öffentlicher Finanzierung aufgebauten Fraunhofer-Institute, die mit ihren breit gefächerten Profilen in der angewandten Forschung als Partner der Unternehmenswelt zur Verfügung stehen. Fraunhofer-Institute mit unterschiedlichem fachlichen Zuschnitt gibt es in Dresden, Leipzig und Chemnitz, aber auch in Halle, Leuna, Freiberg und Jena. Auch sie sind als Partner der Wirtschaft auf passende Größenordnungen ihrer industriellen Anwender angewiesen. In Chemnitz klappt das im Maschinenbau beispielhaft.

Ein Klick genügt und die Web-Präsenz des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU führt den Besucher sofort in das Presswerk 4.0. Wo maschinelle Hightech-Giganten mit ihren ausgefeilten und sündhaft teuren Werkzeugen aus glatten Blechen in Sekundenschnelle kompliziert geformte Karosserieteile formen, geht es um die Halbierung der Stillstandszeiten, und die Flexibilität soll steigern. Solch eine Botschaft hören Anwender gern. Technologietransfer gehört für die Chemnitzer deshalb zum Tagesgeschäft. Die Großen des Bereichs Automotive gehen dort ein und aus.

Das IWU glänzt mit produktionstechnischer Forschung und Entwicklung. Von Bauteilen und Verfahren über komplexe Maschinensysteme bis zur ganzen Fabrik reicht das Leistungsspektrum, das die historischen Stärken des sächsischen Maschinenbaus konsequent auf die Anforderungsgipfel des 21. Jahrhunderts gehoben hat. Der Leichtbau und damit der sinkende Materialeinsatz liefert einen wichtigen Antrieb. Der Lohn: Das Chemnitzer IWU fungiert als Leitinstitut für ressourceneffiziente Produktion innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft. Wie weit kleine Firmen als Anwender des Innovationsstroms in Frage kommen, steht auf einem anderen Blatt. Da ist neben Produktion dringend auch Diffusion von Wissen gefragt, was im Wettbewerb wiederum nicht selbstverständlich ist.

Aus den äußerst kleinteiligen Strukturen des heutigen sächsischen Maschinenbaus ragen nur wenige größere Mittelständler heraus, die auf Augenhöhe zu den Großforschungsstrukturen passen. Auf diesem Gebiet besteht besonders in der Leipziger Region weiterhin Nachholbedarf. Dass auch die ganz kleinen, hoch spezialisierten Maschinenbauer innovationsfreudig sind, ist unstrittig. Manche sind so eng spezialisiert, dass es für die Weltmarktführerschaft auf einem einzelnen, schmalen Spezialgebiet reicht – „Hidden Champions“ eben. Um jedoch auf die Herausforderungen des Zukunftsthemas Industrie 4.0 in ganzer Breite vorbereitet zu sein, bedarf es gebündelter Anstrengungen. Die Aufgabe, passende Wege des Technologietransfers für die Absicherung der Zukunftsfähigkeit kleiner Hersteller im Maschinenbau möglichst reibungslos zu ebnen, wurde an Transfermanager übertragen. Eine Koordinierungsstelle an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur stellt die notwendigen Verbindungen her. Im Selbstlauf entstand diese Steuerungseinheit des Technologietransfers nicht. Management des Technologietransfers hieß in diesem exemplarischen Fall, neben den unbestrittenen fachlichen, ingenieurtechnischen Spitzenleistungen, die aus der sächsischen Nachbarschaft kommen, unbedingt auch die regionalwirtschaftlichen Aspekte im Blick zu haben und zu fördern. Für diesen gesamtheitlichen Ansatz ist eine in jeder Hinsicht besondere Leipziger Stiftung wie geschaffen.

Stiften, um zu forschen

„Der Maßstab ist das Unternehmen“, zeigt sich Heide Gutsfeld, Leiterin der Geschäftsstelle der Leipziger Stiftung für Innovation und Technologietransfer, überzeugt und legt nach: „Es geht um die Wirtschaft.“ Die fördernde Stiftung für die praktische Anwendung von Forschungsresultaten gibt es seit dem Jahr 2000. Im Rückblick fiel der Endstehungszeitraum der Stiftung in die schwierigste Phase des Strukturwandels der Leipziger Wirtschaft. Porsche hatte bereits seine Entscheidung zum Bau des Leipziger Werkes bekanntgegeben, ließ das künftige Fabrikgelände planieren und setzte ein psychologisch nicht hoch genug zu veranschlagendes Zeichen für die industrielle Zukunft einer ganzen Region, die noch von den Narben einer rasanten De-Industrialisierung gezeichnet war. In dieser Situation kam der finanzielle Ertrag aus einem Anteilsverkauf der Leipziger Stadtwerke gerade recht. Der Leipziger Stadtrat beschloss, den unverhofften Geldsegen in eine Stiftung mit konsequenter Technologieorientierung zu geben, um vor Ort den wirtschaftlichen Wandel voranzutreiben und wieder Achtungszeichen setzen zu können. Dass der Hebel beim Forschungsbetrieb angesetzt werden musste, war schnell klar. Zwischen 2001 und 2015 flossen insgesamt 8,5 Millionen Euro an Fördermitteln aus der Stiftung für Innovation und Technologietransfer in eine Vielzahl von Projekten, aus denen das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) herausragt. In den Aufbau des ersten Leipziger Fraunhofer-Instituts floss mit vier Millionen Euro zwischen 2006 und 2010 der Löwenanteil aller von der Technologietransfer-Stiftung ausgereichten Mittel. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, mit Spitzenforschung anwendungsbereites Wissen für die aufstrebende Biotech-Branche am Standort Leipzig zu erzielen. Ein anderer Schwerpunkt ist der Technologietransfer vom Fraunhofer-IWU in den regionalen Maschinenbau.

Produkt- oder unternehmensbezogen dürfen die Förderprojekte der Stiftung nicht sein, um sicherzustellen, dass nicht auf Umwegen verdeckte Probleme einzelner Unternehmen gelöst werden. Wichtig ist dagegen, gewonnene Erkenntnisse aus Förderprojekten auch Dritten zugänglich zu machen, um eine möglichst breite Wirkung des Anschubs für den praktischen Wissenszuwachs zu gewährleisten. „Der Wirtschaft muss etwas zurückgegeben werden“, fasst Heide Gutsfeld ihr Credo eines gelungenen Technologietransfers zusammen.

Innovativ, aber riskant

Technologietransfer ist aufwendig und mit unternehmerischen Risiken behaftet. Alle Pläne drehen sich schließlich um technologisches Neuland. Innovative Verfahren und neue Produkte, die unter Laborbedingungen zufriedenstellend funktionieren, müssen ihre Eignung in den Dimensionen der Serienproduktion erst noch nachweisen. Förderbanken finden auf diesem Gebiet ein reiches Betätigungsfeld. Um Zugangsschwellen abzubauen, hat zum Beispiel die Sächsische Aufbaubank ein Programm Technologietransferförderung aufgelegt. Es zielt darauf ab, das technische und das finanzielle Risiko bei der Integration neuer Technologien abzudecken.

Geht es in bestehenden Unternehmen immer darum, via Technologietransfer einen bestehenden Entwicklungsabstand zu verkürzen und Schlüsseltechnologien zum marktgerechten Durchbruch zu verhelfen, so kommt der Technologietransfer auf der Ebene von Start-up-Unternehmen nicht umhin, bewusst den Anfang zu bilden. Kräftig sprudelnde frische Ideen müssen bei den Einsteigern in die Unternehmenswelt erst noch auf die Ebene der Anwendungsreife gehoben werden. Gründer benötigen zunächst eine tragfähige finanzielle Ausgangsbasis, um überhaupt zum Wachstum ansetzen zu können. Technologietransfer und Risikokapital sind an dieser Stelle verschwistert. „Verpartnern“ nennt der Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management, Andreas Pinkwart, das Verfahren gern.

Im Rahmen der Leipziger städtischen Wirtschaftsförderung und getrieben vom Managementwissen der im europäischen Spitzenfeld angekommenen Business School HHL wurde ein Knoten für die Entfaltung unternehmerischer Talente gelöst und der kreativen Szene im Wortsinn Raum gegeben. Das Resultat heißt SpinLab – The HHL Accelerator und ist in der Leipziger Baumwollspinnerei zu finden. Bisher hat das einstige Industrieareal einen exzellenten Ruf in der internationalen Kunstszene; inzwischen vergrößert das Spinlab diesen Ruf auf einem weiteren Gebiet. Der Beschleuniger von Gründungsideen wirkt seit drei Jahren, wird neben Berlin und München bundesweit aber bereits als äußerst muntere Innovationsschmiede wahrgenommen. Erst kürzlich hat das Spinlab weitere 670 Quadratmeter angemietet, wo angehende Unternehmenspioniere in großen, ungenutzten Fabriksälen ohne Trennwände sitzen und konzentriert an der Umsetzung eigener Produktideen arbeiten, aber offen genug für den Vernetzungsdialog mit den Nachbarn ihre Räume nutzen. Erreicht die Innovation ihre Anwendungsreife, folgt der Umzug aus der Ideenschmiede in erste eigene Räume. Auch dafür bietet das Spinnereigelände noch genügend Platz. Und der Erfolg in Sichtweite spornt die Nachrücker im Spinlab zu noch größeren eigenen Anstrengungen an. So gedeiht eine knisternde Gründeratmosphäre.

Was die Herausforderungen an den Technologietransfer betrifft, so sind bestehende kleine und mittlere Unternehmen und Start-ups gar nicht so weit voneinander entfernt. Mit dem Ziel einer weiteren erfolgreichen regionalen Wirtschaftsentwicklung wäre es deshalb wünschenswert, wenn sie möglichst reibungslos zusammenfänden. Auch daran denkt die HHL.

Andreas Pinkwart kann sich sowohl im SpinLab als auch im Center for Entrepreneurial and Innovative Management (CEIM), das die Entrepreneurship-Aktivitäten an der HHL koordiniert und von der Leipziger Stiftung für Innovation und Technologietransfer gefördert wird, auf das Sponsoring namhafter deutscher Konzerne stützen. Der HHL-Rektor erinnert gern an die Spreadshirt-Unternehmensgeschichte. Das Social-Commerce-Unternehmen für Gestaltung und Vermarktung individuell via Internet gestalteter T-Shirts musste 2002 notgedrungen noch in Nebenräumen der Handelshochschule beginnen. Da sind die Freiräume im heutigen SpinLab für die aktuelle Gründergeneration doch von anderem Zuschnitt. Ruft das das CEIM mit Unterstützung vom SpinLab zum Investors Day, zieht es Erkunder aus ganz Europa an die Weiße Elster. Sie bringen Wagniskapital mit und lassen sich gern von tragfähigen Ideen kurz vor der Marktreife überzeugen. Die Idee an sich wäre zu wenig. Es muss Realismus drinstecken in den Projekten. Eine halbe Million Euro – oder ein Hunderttausender mehr – hat auf diese Weise schon so mancher Innovation zum Durchbruch verholfen, was sich für die Risikokapitalgeber auszahlt, weil andere Anlageklassen in Zeiten anhaltender Null-Zins-Öde ihre Attraktivität eingebüßt haben.

Die Faustregel lautet, dass etwa 24 Monate, bevor die ersten Umsätze in der Kasse klingeln, Risikokapital an Start-ups gegeben wird. Für eine rein abstrakte Geschäftsidee greift auch ein Risikokapitalgeber selten in seine Schatulle, bekennt Christian Knott (übrigens ein HHL-Absolvent), der den Privatinvestor Capnamic Ventures in Köln führt und einen geschlossenen Fonds mit 40 Millionen Euro im Rücken hat.

Praxisprojekte schließen innerbetriebliche Lücken

Eine weitere Möglichkeit, dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, sind Praxisprojekte in Kooperation mit Studierenden der HHL. „Wie vermarkte ich meine neue technische Entwicklung?“ oder „Welche logistische Prozesskette eignet sich für mein Produkt?“ – diese oder ähnliche Fragestellungen aus den Bereichen Marketing, Logistik und Strategie sind in Praxisprojekten der HHL in der Vergangenheit umgesetzt worden. Martina Beermann, Leiterin des Abteilung Unternehmensbeziehung/Karriereservice der HHL, sagt: „Durch die Praxisprojekte schließen die Unternehmen eine innerbetriebliche Lücke. Häufig haben die Firmen nicht die notwendige Personalkapazität oder das erforderliche Know-how für den Wissens- und Technologietransfer.“ Durch die Praxisprojekte erleben die Firmen im wahrsten Sinne des Wortes einen positiven „Push“. Befragungen von Praxispartnern der HHL zeigen: Gut 95 Prozent der Unternehmen setzen die erarbeiteten Konzepte in der Praxis um.

Technologietransfer bleibt ein weites Feld. Es kann mit technischen, aber auch mit kaufmännischen Innovationen bestellt werden. Hier ein neues Produkt, da ein pfiffiger Vertriebsweg, dort ein neues Nutzungskonzept im Geist des Teilens. Das Internet hat die Spielräume außerordentlich erweitert. Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, wenn Technologietransfer nur auf Patentauswertung reduziert würde. Der ständige Ideenfluss in Richtung Marktreife erfordert vielmehr eine entsprechende Unternehmenskultur und trägt über den erwarteten Markterfolg zur Stärkung dieser immateriellen Unternehmensstärke bei. Nicht zu vergessen: Der Technologietransfer muss sich als großer Bruder einer sauber geregelten Unternehmensnachfolge bewähren. Zu jeder neuen Generation von Unternehmenslenkern passt eine innovative Produkt- oder Verfahrensgeneration, die das eigene Unternehmensprofil zukunftsfest macht und Wachstum sichert, geradezu ideal. Und weil nach einem Vierteljahrhundert Marktwirtschaft im Osten im Moment gerade dieser Generationswechsel ansteht und so viele Unternehmensnachfolgen zu regeln sind, ist parallel dazu ein Schub marktreifer frischer Produkt- und Verfahrensideen besonders willkommen. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit läuft auf eine Bewährungsprobe für gelingenden Technologietransfer hinaus.

 

Fotografie: Fraunhofer IWU; Aventics GmbH; pixelio.de/Markus Vogelbacher, Th. Reinhardt

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